Fütterungsbedingte Stoffwechselerkrankungen

Bluana:

In Fremdbetreuung* wurden ihr (Nordtyp, 550kg Sollgewicht) 14,3kg Tagesration Heu mit einem Rohzuckergehalt von 17,6% zzgl. Futterstroh verabreicht. Dies ergab nach wenigen Wochen Gewichtszunahme auf 717kg: Notaufnahme und Intensivbetreuung in der Klinik mit ungewissem Ausgang. Laborauswertung siehe bitte in Pferdeheu.

Bluana
Bluana

29.01. Klinik:

Reheschub, Hufbeinabsenkung.....(s.u.)

 

11.02. Gewicht auf 684kg - ein Überleben

ist in Sicht

 

15.02. Medikamentengabe wird zurückgefahren: Blut- und Leberwerte zeigen Abweichungen auf.

 

25.02. Werte stabil. Weiterbehandlung außerstationär wird vorbereitet

 

01. 03. Entlassung aus der Klinik

 

Zwischenbewertung:

Schmerzen ohne Ende für ein vierbeiniges Wesen, das abhängig ist von dem Verantwortungs-bewußstsein derer, die es in Obhut haben, eine Zitterpartie für seine zweibeinigen Wesen und Kosten in enormer Höhe.

 

So einfach vermeidbar:

Laborauswertung des Grundfutters, Wiegen und Maß halten: Bis zu 25% der Tagesration Heu können durch Futterstroh ersetzt werden. Fresspausen > 5 Stunden (Säurebelastung der Magenschleimhaut) kann man vermeiden durch Futternetze, Äste=Rinde von Kirsche und Birke und Anreicherung mit Bitterstoffen (=Fressbremse s.u.).

Anmerkung: Verzehrdauer bei Rauhfutter: 40min/kg und Krippenfutter: 10min/kg

 

Der weitere Weg Bluanas:

Kontrollierte Gewichtsreduzierung auf das Sollgewicht durch exakt dosierte Fütterung auf der Basis von

Laborauswertungen: Heu, Futterstroh, Ergänzungsfutter (Grund-, Mineralstoff- und Spurenelement-gehalte s.u.). Bei restriktiver Fütterung auch über Mengenreduzierung ist eine Mindestaufnahmezeit von > 12 Stunden sicherzustellen:

28mm Kupferrohr als Rahmen
28mm Kupferrohr als Rahmen

Hierzu eignen sich Futternetze mit Maschenweite

nicht größer als 4 cm. Zur Vermeidung von Keimwachstum am Gewebe sollte dieses mit Silberkolloid  getränkt werden - siehe *

Auch ein Übergießen mit Ingwertee - 1,5 l Wasser, daumengroßes Stück Knolle in feine Streifen schneiden und nach Aufkochen 10 min ziehen lassen. Je nach Portionsgröße über das Raufutter gießen (Tülle am Gießkännchen) - verlängert die

Futteraufnahmezeit*.

*Anmerkung:

2 Tinkerhengste (Nordtyp) mit einem Monatsbedarf von 2 Ballen Heu, benötigten 4 Ballen pro Monat, nachdem ein Berberhengstchen (Südtyp) zu ihnen zog: Südtypen fressen länger und die Nordtypen gehen mit.

Daraus ist eine gemeinsame Haltung nicht unbedingt unbedenklich.

 

Darüberhinaus:

Bodenarbeit in der Halle und später auch Arbeit an der Kutsche:

Und natürlich Massagen zur Lymphdrainage nach C. Smyrek*

 

Zu beachtende Faktoren in der Fütterung:

 

1. Kohlenhydrate

 

1.a Fruct(os)ane:

Sie sind die Produkte der Photosynthese: Ihre Bildung ist abhängig von Sonnenschein und Feuchtigkeit.

Um eine Überlastung der Pferde zu vermeiden, sollte man sich folgender Zusammenhänge bewußt sein:

Gräser wachsen ab ca. 6°C und ab stabil >11°C bei ausreichender Feuchtigkeit, gleichen sich Wachstums- und Photosyntheserate aneinander an, die Fructangehalte sinken von uU > 20% auf deutlich unter 10.

Das wüßten unsere alten Bauern noch: "Schneid Dein Heu mal vom Regen in die Sonne!" - will heißen aus einer wüchsigen Periode mit bedecktem Himmel in die schnelle Trocknung.

 

Überbordend wird die Differenz bei Sonnenschein in Verbindung mit Frost, der für die Pflanze gleichbe-deutend ist mit Trockenheit. Hier kann ein Weidelgras schon mal an die 40%-Marke herangehen.

Dies sollte man zur Zeit der ersten Weidegänge bedenken, die klassisch ja während der Eisheiligen in der ersten Maihälfte stattfinden.

 

Da Fruktan überwiegend am Stengelgrund eingelagert wird, sollte man die kritische Weide- und Schnitt-

höhe von 8 cm einhalten. Kürzer abgegraste Flächen sind keine DIätweide, wie man gerne glaubt.

 

1.b Rohzucker:

Sind kurzkettige, dünndarmverdauliche Kohlenhydrate, deren Anteil wesentlich zum Energiegehalt des Grundfutters beiträgt.

 

 

2. Proteine

 

2.a  Nicht verdauliche oder Zellwandproteine:

Diese unterliegen keiner Verdauung bis Ende des Dünndarmes über körpereigene Enzyme sondern lediglich einem mikrobiellen Aufschluss im Dickdarm, weitestgehend ohne Absorption von AS.

Daraus resultiert in Abhängigkeit der Gehalte die Möglichkeit einer übermäßigen Organbelastung - siehe bitte  auch unter "Pferdeheu" und entsprechender Ammoniakanreicherung in der Box.

 

2.b. Verdauliche oder Zellinhaltsproteine - dvRP :

Sie sind Basis der AS-Versorgung.

 

2.c Proteinqualitäten:

Ausschlaggebende Kriterien für ernährungsphysiologisch wertvolles Protein sind das Aminosäuren-muster des Proteins sowie dessen Verdaulichkeit (Verfügbarkeit der Aminosäuren). Zielsetzung ist die

Deckung des AS-Bedarfes aus dvRP bei möglichst angemessenen Gesamtgehalten (N-Überschuß), wobei Lysin, Methionin, Tryptophan, Leucin, Isoleucin, Threonin, Valin, Histidin und Phenylalanin mit dem Futter zugeführt werden müssen. Fehlt nur eine dieser essentiellen AS wird der gesamte Aufbau körpereigener Proteine beeinträchtigt. Supplementierung über Leinkuchen, Grünmehl oder Sojaschrot?

 

 

3. Stärke:

Grundbaustein: Glucose aus

-20% Amylose - unverzweigte Ketten aus 1,4 a-D-Glucoseeinheiten mit spiralförmiger Struktur,

 wasserlöslich und

-80% Amylopektin - verzweigte Ketten aus 1,4 und 1,6 a-D-Glucoseeinheiten, wasserunlöslich

ist Hauptnährstoffreserve der Pflanze.

Stärke ist als wichtiger Energieträger anzusehen, wobei zur Vermeidung von Fermentationsstörungen im Dickdarm die Futterration nicht mehr als 2gr Stärke/kgLM und von Magenschleimhautschäden noch weniger (max. 1gr/kgLM) enthalten sollte.

Geht man von einem Stärkegehalt z.B. im Hafer von ca. 40% aus, sollte daraus die Mahlzeit nicht mehr als

250gr/100kgLM betragen

 

 

4. Energiegehalt:

Energieträger im Futter sind Kohlenhydrate, Stärke, Fette und auch Fettsäuren aus der Rohfaserverdauung.

Der Bedarf, an dem sich die Gestaltung der Tagesration zu orientieren hat, ist abhängig von Rasse, Arbeit, 

Trächtigkeit, Laktation, Wachstum etc. - daraus kann hier nur auf weiterführende Literatur verwiesen werden.

Eine Anmerkung dennoch: Drei Stunden wöchentlich in der Halle erhöhen den Bedarf nicht wirklich.

 

 

5. Mineralstoffe und Spurenelemente

 -Mengenelemente:

  Kalzium (Ca), Phosphor (P), Magnesium (Mg), Natrium (Na), Chlor (Cl), Kalium (K)

 -Spurenelemente:

  Eisen (Fe), Kupfer (Cu), Zink (Zn), Mangan (Mn), Kobalt (Co), Jod (J), Selen (Se),

  Fluor (F), Molybdän (Mo), Chrom (Cr), Zinn (Sn), Bor (B) u.a.

 -Vitamine:

  + fettlöslich: A, D, E, K

  +wasserlöslich: B1, B2, B3, B6, B12, Biotin, C, Cholin, Folsäure, Niacin

 -Essentielle Fettsäuren:

   Linol-, Linolen-, Arachidonsäure

 -Carnitin:

 

5.a Interaktionen  von Spurenelementen und Mineralstoffen: Dysbalancen

 Fortsetzung folgt!

 

 

6. Verhältnisse:

 - Ca-P-Verhältnis: min. 1:1 bis max. 3:1

 - dünndarmverdauliches Rohprotein zu umsetzbarer Energie: dvRP : ME = 6 : 1 - bei arbeitenden

    Pferden

 - Anionen (Cl, P, S) - Kationen (Ca, Mg, K, Na) - Verhältnis:

 

Vor dem Hintergrund des o.G. gilt es eine vernünftige Ergänzung zuzufüttern, welche die Gehalte im Grundfutter berücksichtigt. Also auch hier kann der Blick ins Heu vor Ort nicht schaden, der nebenbei bemerkt, im Vergleich zur Analyse auf Energiegehalt, Kohlenhydrate, Eiweiße...(AG FuKo, LuFa) schon einen stolzen Preis hat:

Die Schwankungsbreiten indizieren ein Nachdenken über die Zusammensetzung der Nahrungsergänzungsmittel, die sich woran orientieren?

Der Weg wird wohl insgesamt der sein, die Futterschiene der Pferde von der der Fleischrinder und Milchkühe weiter zu entkoppeln - Pferde haben keinen Pansen und produzieren keine 40l Milch am Tag. In Arbeit!

 

 

7. Rohfaseranteil (Strukturstoffe):

- Cellulose und Hemicellulose werden durch mikrobiell gebildete Enzyme abgebaut und sind wertvolle     

  Energieträger

- Pectin, Kutin, Suberin

- Lignin: durch Ligninifizierung der Zellwände verholzte Pflanzenteile bleiben unverdaut, sind aber in

   bestimmten Mengen für die Funktion des Verdauungskanales unentbehrlich.

 

8. Fette:

 Fortsetzung folgt!

 

9. Bitterstoffe:

"Du wirst dickefett und mausetot!", sprach der 00-Raps* zum Reh und Hasen in den 80ern. Dieser Züchtung hatte man die Bittersubstanzen Erucasäure und Glucosinolate weggezüchtet - natürliche Fressbremsen! Wir füttern unsere Pferde nicht mit Raps, aber wie viele Kräuter wie den Löwenzahn als natürliche Fressbremse, gibt es noch bei den Pferden?

Natürlich müssen die Schlachtrinder schneller zunehmen, sonst könnten die Discounter den Preis nicht halten und ohne natürliche Fressbremse durch Bitterstoffe, geht das eben zügiger.

*Man sollte nicht davon ausgehen, dass 00-Raps grundsätzlich etwas Schlechtes sei. Durch Züchtungsfortschritt seit ehedem wurden Rapsfette erstmals für die Humanernährung verwendbar, Tiere vor Vergiftungserscheinungen bewahrt, die Futtereffizienz und somit auch der Aspekt der Nachhaltigkeit gefördert. Nicht zu vergessen, dass Raps unser Hauptsubstitut zu importierten Protein- und Fettträgern wie Soja oder Palm ist.

 

10. Schadinhalte:

a. organische Stäube - siehe bitte unter "Heubedampfung"

b. Schadpflanzen - siehe bitte unter "Kreuzkräuter"

c. Endoparasiten - siehe bitte unter "Einführung/Leseprobe"

 

Auswirkungen von  Fehlversorgung:

 

1. Hufrehe

 

a. fütterungsbedingte Hufrehe nach Nater, 2006 durch:

   Kohlenhydratüberladung des Dickdarmes mit

   Umschichtung der Bakterienflora

   Dickdarmacidose

   Bakterieller Decarboxylierung von Aminosäuren

   Freisetzung von Exo-, Endotoxinen und biogenen Aminen - Ausschüttung in die Blutbahn

   Erhöhung der parazellulären Permeabilität der Blutbahn

   Blutgefäßverengung

   Aktivierung von Metalloproteinasen und Schädigung der Hemidesmosomen mit

   pathologischer Veränderung der Huflederhaut.

 

b. neuere Erkenntnisse:

 

 - Stärkeüberfrachtung des Dickdarmes.

    Pferde besitzen eine eingeschränkte Fähigkeit S. mit den köpereigenen Amylasen enzymatisch

    aufzuschließen, die Verdauung ist nicht adaptiert an hohe Mengen. Daraus sind in der Futterration

    Obergrenzen einzuhalten: Passiert aus Überversorgung Stärke unverdaut den Dünn- und gelangt      

    in den Dickdarm, führt das zu Stoffwechselstörungen, die sowohl Kolik, als auch Hufrehe auslösen

    können.

    Anzumerken bleibt, dass Stärke aus Gerste geringe Dünndarmverdaulichkeit aufweist. Inwieweit

    eine Bedampfung helfen kann, bleibt zu ermitteln.

 

 - Insulinresistenz - siehe Punkt 2

 

 - Selenüberversorgung - siehe unten.

 

c. Kumulation dickdarmbelastender Faktoren:

    Sowohl Fructane, als auch nicht verdaute oder verdaubare Proteine haben, wie auch ein Stärkeübermaß, 

    negative Auswirkungen auf den Dickdarm. Ebenso belastend ist eine zu hohe Fracht an Lignin und lange

    Fresspausen. Letztere bewirken eine Reduzierung der Darmbakterien.

    Daraus liegt die Vermutung nahe, dass eine Hufrehegeschehen AUCH durch ein Zusammenspiel dieser

    Faktoren unterhalb der einzelnen Grenzwerte ausgelöst werden könnte.

   

 

2. Energetische Überversorgung: Adipositas - Insulinresistenz

 

Grundlegend sind Pferde, aber auch wir Zweibeiner darauf "getrimmt" in den Zeiten der Völle, Vorrat

in Form von Körperfett für die karge Versorgungszeit im Winter anzulegen: Jäger und Sammler, die wir waren und ernährungsphysiologisch immer noch sind, lebten  Jahrtausende in diesem, von der Natur vorgegebenen Rhythmus. Erst der Übergang zum Ackerbau und eine daraus resultierende gesichertere Bevorratung veränderten diese Lebensbedingungen. Natürlich ohne Anpassung des Grundprogrammes unserer Körper. (Fastenzeit und Ramadan!?)

Pferde sind darauf ebenso ausgerichtet, insbesondere die Nordländer.

Was bieten wir aber uns und Ihnen: Energiereiche Überversorgung und das ganzjährig.

Die Folgen: Dickleibigkeit bei beiden, Diabetes beim Menschen, beim Pferd:

 

Insulinresistenz:

     

      Fortsetzung folgt!

 

3. Folgen falscher Supplementierung:

       Fortsetzung folgt!